Zur Eröffnung von ROT

Einführung von Kuratorin Stefanie Plappert

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste,

erlauben Sie mir, die Verantwortung für eine Einführung abzugeben: folgen Sie einigen Betrachtungen zu Rot im Film – angestellt durch Filmschaffende unterschiedlichster Couleur. Sie werden Ihnen die Hintertür zur Ausstellung öffnen:

Im Jahr 1931 zensierte die Oberprüfstelle aus politischen Gründen eine rote Fahne im sozialdemokratischen Agitationskurzfilm INS DRITTE REICH (DE 1930/31, Karl Holtz, Alois Florath). Dass die “allegorische Gestalt der Republik … mit roter Fahne bewehrt“ Missstände anprangert, sei der “gegenwärtigen Staatsform abträglich und daher ebenfalls geeignet, die öffentliche Ordnung zu gefährden“, so die Begründung[1]. Interessant ist neben der politischen Fehleinschätzung dabei vor allem eines: der Kurzfilm war schwarzweiß gedreht. Die Filmoberprüfstelle sah rot, alle anderen nur ein dunkelgraues Feld.

Und was sehen wir?
Eine Frau im eleganten Kleid schreitet am Arm eines jungen Mannes auf die Tanzfläche, das Kleid schimmert und glänzt, die Musik spielt. Je näher sie kommen, desto weiter weichen die anderen Paare zurück, bis die beiden zuletzt bei ausklingender Musik alleine im Mittelpunkt stehen, begleitet vom Getuschel und den durchdringenden Blicken der versammelten Gesellschaft.
Das Kleid der schönen Julie in William Wylers JEZEBEL (US 1938) unterscheidet sich von denen der anderen jungen Frauen in seiner Textur, seiner Sättigung, seinem fließenden Fall, es sticht ins Auge: Julie trägt rot – ein harter Bruch mit den Gepflogenheiten der Südstaaten, in der unverheiratete Frauen beim Ball helle, zarte Farben zu tragen haben. Dass JEZEBEL schwarzweiß gedreht ist, vergisst man fast im Lauf des Films: ROT ist Programm, schon lange ehe sich farbiges Filmmaterial durchsetzt.

“Erste Bedingung für den Einsatz von Farbe im Film ist, dass sie vor allem ein dramatischer Faktor sein muss. […] Farbe ist gut wenn sie notwendig ist.“[2]
Sergei Eisenstein schrieb dies im Jahr 1948. Farbe ist für Eisenstein dramatisierendes und dramaturgisches Element – und sie übernimmt darin eine Funktion, die sonst “nur Musik […] erfüllen konnte, indem sie ergänzt was nicht durch Schauspiel oder Gestik ausgedrückt werden kann.“[3]
Eisenstein selbst hatte eben sein letztes Werk, den letzten Teil seiner IWAN-Trilogie, fertig gestellt – auf Schwarzweiß-Material. Nur einige wenige Szenen, die dramatischen Höhepunkte, ließ er viragieren, also einfärben – natürlich, Sie ahnen es: mit roter Farbe. Rot ist für Eisenstein also die notwendige Farbe, die dramatische Farbe. Man möchte fast sagen: Rot ist für Eisenstein die Farbe schlechthin!

Wir kommen zum Farbfilm – zum roten Rot im Film, sozusagen. Und wir kommen umso mehr zu den Assoziationen, die die Farbe auslöst.

“[…] Eine Eigentümlichkeit gibt es dennoch: Alle unsere Interieurs sind rot, in verschiedenen Nuancen. Fragt mich nicht, warum das so sein soll, ich weiß es nicht. Ich habe selbst über den Grund nachgedacht und eine Erklärung komischer gefunden als die andere. Die simpelste, aber zugleich stichhaltigste ist wohl, dass das Ganze etwas Innerliches ist und dass ich mir bereits seit meiner Kindheit die Innenseite der Seele als eine feuchte Haut in roten Nuancen vorgestellt habe.“[4]

Das schrieb der schwedische Regisseur Ingmar Bergman im Juni 1971 an seine Kolleginnen und Mitarbeiter. Der Film, von dem er spricht, ist SCHREIE UND FLÜSTERN (SE 1973), fertig gestellt ein Jahr später. Ein Film über drei Schwestern, über Sterben, Erinnerung und Bedürfnisse: angesiedelt in einem großen Landhaus in Schweden, mit dem jede der Schwestern eine andere Geschichte verbindet, und in dem jeder Raum einen anderen Rotton einnimmt. Wir sehen: die Räume des Films als Verdeutlichung psychologischer Vorgänge – das Innere der “Seele“ als subtiles visuelles Thema, eher erfühlbar als bewusst wahrnehmbar.

Der zeitgenössische dänische Regisseur Nicolas Windig Refn, bekannt nicht zuletzt durch den Film DRIVE (US 2011), und selbst nahezu farbenblind, hat beobachtet: “Rot ist […], eine sehr beängstigende Vorstellung, weil es das ist, was wir sähen, wenn wir uns selbst aufklappen würden.“[5]

Rot kann metaphorisch für das Innere der Seele stehen – oder eben, weniger poetisch – für das Innere des Körpers. Blut, Innereien, Verletzungen – auch sie sind rot. Und begründeten ganze Genres: Vampir- und Splatterfilme, in denen das Blut fließt – in Tropfen, Bächen, oder auch in Strömen; Pulp und Action, Science Fiction und Psychothriller: sie alle bedienten sich der Bedeutungsvielfalt des roten Blutes. Legendär dabei Kubricks THE SHINING (UK/US 1973-75), in dem ein Blutstrom aus dem Aufzug in einer Vision des hellsichtigen Jungen Danny das ganze Filmbild, die komplette Leinwand, flutet.

Blut? “Das ist kein Blut, das ist rot“[6]: Diesen Satz legte Jean-Luc Godard 1967 einem Protagonisten in WEEK-END (FR/IT 1967) in den Mund – dieser spricht ihn, blutüberströmt, rotüberströmt.

Godard, Spieler und Spielverderber, führt uns hinter die Kulissen des Kinos, in die Welt der Effekte und Maskenbilder; Godard spielt aber auch mit der Diskussion um Gewaltdarstellung im Kino: Was ist real? Was sagt uns das, was wir sehen? Kann Farbe nur Farbe sein? Godards Satz, seine Reduzierung von Rot auf die bloße Farbigkeit macht uns stutzen und verwirrt uns – zu oft haben wir angesichts einer Filmszene erschrocken oder auch angewidert weggeschaut: wir haben eben Blut gesehen, im Rot. Sehen und Verstehen passieren in unserem Gehirn. Rot ist für uns eben nicht nur Rot, es bedeutet immer mehr.

Stanley Kubrick übrigens, der für seine Aufzugszene in THE SHINING um die Freigabe durch den Zensor bangen musste, erklärte diesem lapidar: bei der roten Flüssigkeit handele es sich um rostiges Wasser, also: kein Blut, sondern rot.

Mit den Worten Susanne Marschalls zu schließen: “ROT ist die Farbe. Rot ist Liebe, Hass, Glück, Unglück, Freude, Leid, Magie, Gefahr, Leidenschaft, Mut, Kraft, Zauber, Blut, Feuer, Luxus, Reichtum, Aggressivität, Zorn, Krieg, Unmoral, Sex, die Triebe. Die Sünde, das Verbotene, die Freiheit, die Revolution, Recht, Unrecht, das Erhabene und das Niedrige, Himmel und Hölle zugleich. Rot schreit, zieht uns an, kommt uns zu nahe, ist weiblich und männlich, süß, unerwartet, giftig, heiß, unvernünftig, brennt. Rot ist adlig, heilig, unnatürlich, teuflisch, rasant, stimulierend, provokant, ursprünglich und kultiviert. Rot ist schön.“[7]

Ich hoffe, Sie können Einiges davon im dritten Stock entdecken!

Quellenangaben
[1] Erich Kuttner: Filmoberprüfstelle sieht rot, in: Vorwärts 131, 19.3.1931.
[2] Sergei Eisenstein: Colour Film, in: Bill Nichols (ed.): Movies and methods, California UP, 1976- S. 381 – 388. „…the first condition for the use of colour in a film is that it must be, first and foremost, a dramatic factor. […] Colour… is good when it is necessary.“ (Sergei Eisenstein, Colour Film, S. 383).
[3] Eisenstein a.a.O., S. 388
[4] Paul Duncan u.a. (Hg.): Das Ingmar Bergman Archiv. Taschen, S. 149.
[5]R. Kurt Oselund: Interview: Nicolas Winding Refn, in: Slant, 18. Juli 2013: „Red is, on one level, a very frightening image, because it’s what we would look at if we were to open up ourselves.“ http://www.slantmagazine.com/features/article/interview-nicolas-winding-refn-2013
[6] Godard, WEEKEND, 1967: „Pas du sang, du rouge“
[7] Susanne Marschall: Rot ist die Farbe, in: film-dienst 03/02, S. 6 – 14, S. 14.

 

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