Die ROT-Macherinnen

Interview mit den Kuratorinnen
Stefanie Plappert und Daria Berten

ROT. Eine Filminstallation im Raum konfrontiert die Besucher/innen mit Bewegtbild und Lichtspiel. Zahlreiche Filmausschnitte machen entlang der Themenfelder Figuren, Objekte, Räume, Effekte und Regie den vielfältigen Einsatz der Farbe Rot im Film erfahrbar.

Wohl kaum eine andere Farbe weckt so viele Assoziationen und Emotionen in uns wie Rot. Mit ihr werden nicht nur Bilder erzeugt, sondern auch unbewusste Eindrücke erzielt. Welche und wie, das untersucht ROT. Eine Filminstallation im Raum. Im Interview erzählen die Kuratorinnen Stefanie Plappert und Daria Berten vom Entstehungsprozess eines spannenden Projekts.

Denkt man an die Farbe Rot im Film, geht das Kopfkino los. Welche Filme werden, der Erfahrung nach, sogleich mit dem Thema in Verbindung gebracht?
Stefanie Plappert: Die Bandbreite der ersten Assoziationen ist erstaunlich groß: Einigen Befragten fiel als erstes die rot kolorierte Fahne aus Eisensteins PANZERKREUZER POTEMKIN (UdSSR 1925) ein; aber mehr noch werden zeitgenössische Schwarzweiß-Filme genannt, die den größtmöglichen Farbkontrast zu Rot bewusst nutzen. Zum Beispiel Steven Spielbergs SCHINDLER’S LIST (US 1993) mit dem Mädchen im roten Kleid, aber auch Frank Millers und Robert Rodriguez‘ SIN CITY (US 2005), in dem rote Akzente eine stark illustrierende Rolle spielen. Farbfilme, für die Rot wichtige Aussagen trifft, zum Beispiel Kieślowskis TROIS COULEURS: ROUGE (F/PL/CH 1994), wurden weit seltener genannt – vielleicht auch weil die Farbe in ihnen doch sehr unbewusst wirkt.

Die Rauminstallation soll veranschaulichen, wie häufig und auf welch vielfältige Weise die Farbe Rot im Film zum Einsatz kommt. Warum Rot? Warum nicht Blau oder Grün?
Daria Berten: Weil es die Farbe Rot ist, mit der wir – im Alltag und auch kulturgeschichtlich – die stärksten Assoziationen und Emotionen verbinden. Das Rot kommt immer da vor, wo es heiß und heftig zugeht, es ist die Farbe der Liebe genauso wie die des Hasses, sie kann Wärme und Geborgenheit genauso signalisieren wie die Warnung vor Gefahr. Rot hat immer eine Bedeutung, und wird in der Kunst entsprechend eingesetzt. Das wollten wir für den Film untersuchen und zeigen.

ROT ist eine Filminstallation – keine Ausstellung im eigentlichen Sinn. Die Besucher/innen werden nicht mit Objekten, sondern vor allem mit Bewegtbild und Lichtspiel konfrontiert. Kein sehr alltäglicher Museumsbesuch, oder?
SP: …eher eine Reise in ein rotes Universum! Neben der außergewöhnlichen Gestaltung mit Licht- und Farbimpulsen steht ganz klar der Film im Mittelpunkt: In zahlreichen Ausschnitten auf elf großformatigen Leinwänden kann man nachvollziehen, wie wichtig Rot für Kostüme, Maske und Physis, Objekte, Räume und Regie ist. Das geht nur mit dem fertigen Film – Exponate wie ein Kostüm oder eine Filmkulisse können nicht illustrieren, wie sich ihre Bedeutung im Film entfaltet. Und wir wollen der Farbwahrnehmung als wichtigem Teilaspekt der filmischen Rezeption Aufmerksamkeit widmen: Indem wir die Farbgestaltung von Filmen ausstellen, bringen wir das Publikum vielleicht dazu, beim nächsten Kinobesuch auch darauf zu achten!

Was bedeutet es für die kuratorische Arbeit, wenn die Auswahl der Exponate sich ausschließlich auf Bewegtbildprojektionen beschränkt?
SP: Filme schauen, Filme schauen, Filme schauen! Tatsächlich: Zu den rund 450 Filmen, die wir in der Vorbereitung gesichtet haben, haben wir uns bei jedem einzelnen überlegt, wie er mit der Farbe Rot umgeht, an welchen Stellen sich das am deutlichsten zeigt und welche Themen sich daraus ergeben. Wir wollten einen Querschnitt durch die Filmgeschichte und sämtliche Genres vorstellen. So haben wir dann – ausgehend vom Film – den Aufbau der Ausstellung konzipiert. Die größte Herausforderung war es, Ausschnitte zu finden, die wirklich aussagekräftig sind und stellvertretend für den gesamten Film stehen können. Im Prinzip könnte man wohl sagen, wir legen ähnliche Kriterien an wie für die Auswahl von Gemälden für eine Ausstellung – nur dass unser Kunstwerk eben nicht in Öl gemalt ist, sondern durch zeitlichen Verlauf und Bewegung lebt.

Alfred Hitchcock, Pedro Almodóvar und Nicolas Winding Refn kann man durchaus als Regisseure mit sehr unterschiedlichem Stil bezeichnen. Ihr Werk bildet jedoch einen Schwerpunkt der Rauminstallation, weil ihnen allen ein intensiver Einsatz der Farbe Rot gemein ist. Sind sie die Rot-Regisseure schlechthin? Wäre nicht auch eine Regisseurin in Frage gekommen?
DB: Die schottische Regisseurin Lynne Ramsay hat mit WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN (GB/US 2011) einen herausragenden Film gemacht, in dem die Farbe Rot eindrücklich und brutal wie selten verdeutlicht, wovon der Film erzählt: Entfremdung, Ausgrenzung, Gewalt. Für die drei Werkkompilationen haben wir aber nach Filmschaffenden gesucht, deren Gesamtwerk sich durch den ganz bewussten Einsatz von Farbe und insbesondere natürlich Rot auszeichnet. Mit Hitchcock, Almodóvar und Winding Refn stellen wir drei Regisseure verschiedener Generation und Herkunft vor, die die Kraft der Farbe Rot in all ihren Facetten ausschöpfen, in der Wahl der Mittel und ihren Themen aber kaum unterschiedlicher sein könnten.

Rot hat viele Bedeutungen. Es steht für die Liebe, aber oft auch für Aggression. Müssen Besucher/ innen sich auch auf schreckliche Bildeindrücke gefasst machen?
SP: Rot steht auch für das Leben und den Tod, der „Lebenssaft“ Blut ist rot – klar, dass sich das auch auf den Leinwänden zeigen wird. Wir haben uns aber bemüht, nicht unnötig grausame Szenen auszuwählen, und diese größtenteils in einem separaten Bereich platziert. Es geht ja nicht darum, zu schockieren, sondern vor allem darum, die Bedeutungsvielfalt der Farbe Rot zu feiern!

Die Fragen stellte Marie Brüggemann.

Kuratoreneinführung

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