DAS ROT DER MASKEN UND KOSTÜME

Ganz im Zeichen der aktuellen Sonderausstellung ROT im Film steht die Nacht der Museen am Samstag, 6. Mai, für die das Deutsche Filmmuseum auch die Quizshow „Alles auf Rot!“ organisiert. Dabei dreht sich alles um die farbliche Gestaltung von Filmkostümen, Masken und mehr. Das Erscheinungsbild von Filmcharakteren hat großen Einfluss darauf, wie diese wahrgenommen und erinnert werden. Auch die Farbgebung spielt hierbei eine Rolle, und wenn rote Kleidungsstücke, ein unverkennbarer „Rotschopf“ oder auch ein von roten Narben gezeichnetes Gesicht auf der Leinwand erscheinen, transportieren diese visuellen Reize meist eine Botschaft, bereiten das Kinopublikum auf den weiteren Verlauf der Handlung vor oder unterstreichen Stimmung und Charakter der Person.

Was wäre der rebellierende Teenager Jim Stark in Nicholas Rays REBEL WITHOUT A CAUSE (US 1955) ohne seine rote Pilotenjacke? Die Rolle machte James Dean, der kurz nach den Dreharbeiten zu seinem dritten Spielfilm auf tragische Weise ums Leben kam, zur niemals alternden Ikone – und sein ausdrucksstarkes Kleidungsstück zum ewigen Symbol der wütenden, aufbegehrenden Jugend.

Und Lola? Während Franka Potente in LOLA RENNT (DE 1998) in einer atemlosen Tour de Force durch Berlin eilt, scheinen sämtliche Ereignisse dieses Sprints bestimmt durch die Chaostheorie. Nur eine verlässliche Größe bleibt dem Kinopublikum: Lolas leuchtend rote Haare, die so vieles verheißen: Not, die Lola dazu veranlasst, loszurennen. Bedrohung, weil etwas Schlimmes passieren wird, wenn sie nicht schnell genug ist. Und natürlich Liebe, weil Lola das alles nur auf sich nimmt, um ihrem Freund Manni den Allerwertesten zu retten…

One Eye sieht rot. Vor seinem inneren Auge spielen sich blutrot gefärbte Szenen aus der Zukunft ab, im Hier und Jetzt umgeben ihn Feinde, entfalten sich martialische Wikingerszenen. Wann und wie die von Nicholas Winding Refn für VALHALLA RISING (DK/GB 2010) geschaffene und von Mads Mikkelsen gespielte Figur ihr linkes Auge verloren hat, erfahren wir nicht. Aber die roten Wunden und Narben in ihrem Gesicht erzählen Geschichten einer von harten Kämpfen und purer Gewalt gezeichneten Vergangenheit. Gleichzeitig verleihen sie dem Krieger aber auch etwas Stolzes, Erhabenes, denn auf seinem Kreuzzug ins Ungewisse verliert One Eye keinen Kampf.

Viel mehr rote Zeichen, die Filmcharaktere an ihren Körpern und in ihren Gesichtern tragen, sind in der Filmreihe zur Sonderausstellung im Mai zu entdecken, etwa in PRETTY WOMAN (US 1990, R: Garry Marshall), MAUVAIS SANG (Die Nacht ist jung, FR/CH 1986, R: Leos Carax), TWIN PEAKS: FIRE WALK WITH ME (US/FR 1992, R: David Lynch), PULP FICTION (US 1994, R: Quentin Tarantino), AMERICAN BEAUTY (US 1999, R: Sam Mendes).

Rote Nacht: Nacht der Museen 2017

Samstag, 6. Mai, 19 bis 2 Uhr

Das ganze Wirkungsspektrum der vielschichtigen Filmfarbe ROT zeigt die aktuelle Sonderausstellung ROT im Film. Passend dazu hält die Quizshow im Museumsfoyer Fragen zu roten Kostümen und Masken im Film und tolle Preise bereit. Mit dem Einsatz für die Filmmusik zu Alfred Hitchcocks THE BIRDS (Die Vögel, US 1963) erlangte das Mixtur-Trautonium, ein Vorläufer des heutigen Synthesizers, große Bekanntheit. Peter Pichler beherrscht das rare Instrument wie kaum ein anderer und gibt in der Nacht der Museen sein Film-Medley live zum Besten. Im Kino läuft eine rote Kurzfilmrolle, und wer sich selbst in einem roten Filmsetting fotografieren lassen möchte, kann das in der Bluebox tun. Das Bild gibt es gratis mit nach Hause.

Zur Eröffnung von ROT

Einführung von Kuratorin Stefanie Plappert

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste,

erlauben Sie mir, die Verantwortung für eine Einführung abzugeben: folgen Sie einigen Betrachtungen zu Rot im Film – angestellt durch Filmschaffende unterschiedlichster Couleur. Sie werden Ihnen die Hintertür zur Ausstellung öffnen:

Im Jahr 1931 zensierte die Oberprüfstelle aus politischen Gründen eine rote Fahne im sozialdemokratischen Agitationskurzfilm INS DRITTE REICH (DE 1930/31, Karl Holtz, Alois Florath).

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ROT gestalten

Charlotte Tamschick (Tamschick Media +Space GmbH, Berlin) über die Gestaltungsidee zur Rauminstallation

Die Installation aus Licht, Klang und Filmkompilationen, die auf insgesamt elf großflächigen Leinwänden gezeigt werden, entführt die Besucher/innen auf eine Entdeckungsreise und spielt mit dem Immateriellen und Flüchtigen des Mediums Film. Wir arbeiten gestalterisch mit einer großzügigen Geste, die den Raum integrativ als Ganzes inszeniert und dem Medium Film als Exponat Raum schafft. Unser Grafikkonzept nimmt die Flüchtigkeit der Farbe konzeptionell auf.

Klare geometrische Flächen, teils transparent, teils opak, bestimmen das grenzenlos wirkende Raumbild um einen zentralen quadratischen „Red Room“, der umgeben ist von mehrschichtig angeordneten zarten Stoffbahnen in verschiedenen Rottönen. In regelmäßigen Abständen wird der gesamte Ausstellungsraum in rotes Licht taucht. Bei Einbruch der Dunkelheit strahlt das Rot aus dem Museumsgebäude in den Stadtraum. Die Filmkarten, die die Besucher/innen im Foyer erhalten, dienen als mobile Projektionsfläche zur eigenen, aktiven Erkundung roter Filmwelten.

Die ROT-Macherinnen

Interview mit den Kuratorinnen
Stefanie Plappert und Daria Berten

ROT. Eine Filminstallation im Raum konfrontiert die Besucher/innen mit Bewegtbild und Lichtspiel. Zahlreiche Filmausschnitte machen entlang der Themenfelder Figuren, Objekte, Räume, Effekte und Regie den vielfältigen Einsatz der Farbe Rot im Film erfahrbar.

Wohl kaum eine andere Farbe weckt so viele Assoziationen und Emotionen in uns wie Rot. Mit ihr werden nicht nur Bilder erzeugt, sondern auch unbewusste Eindrücke erzielt. Welche und wie, das untersucht ROT. Eine Filminstallation im Raum. Im Interview erzählen die Kuratorinnen Stefanie Plappert und Daria Berten vom Entstehungsprozess eines spannenden Projekts.

Denkt man an die Farbe Rot im Film, geht das Kopfkino los. Welche Filme werden, der Erfahrung nach, sogleich mit dem Thema in Verbindung gebracht?
Stefanie Plappert: Die Bandbreite der ersten Assoziationen ist erstaunlich groß: Einigen Befragten fiel als erstes die rot kolorierte Fahne aus Eisensteins PANZERKREUZER POTEMKIN (UdSSR 1925) ein; aber mehr noch werden zeitgenössische Schwarzweiß-Filme genannt, die den größtmöglichen Farbkontrast zu Rot bewusst nutzen. Zum Beispiel Steven Spielbergs SCHINDLER’S LIST (US 1993) mit dem Mädchen im roten Kleid, aber auch Frank Millers und Robert Rodriguez‘ SIN CITY (US 2005), in dem rote Akzente eine stark illustrierende Rolle spielen. Farbfilme, für die Rot wichtige Aussagen trifft, zum Beispiel Kieślowskis TROIS COULEURS: ROUGE (F/PL/CH 1994), wurden weit seltener genannt – vielleicht auch weil die Farbe in ihnen doch sehr unbewusst wirkt.

Die Rauminstallation soll veranschaulichen, wie häufig und auf welch vielfältige Weise die Farbe Rot im Film zum Einsatz kommt. Warum Rot? Warum nicht Blau oder Grün?
Daria Berten: Weil es die Farbe Rot ist, mit der wir – im Alltag und auch kulturgeschichtlich – die stärksten Assoziationen und Emotionen verbinden. Das Rot kommt immer da vor, wo es heiß und heftig zugeht, es ist die Farbe der Liebe genauso wie die des Hasses, sie kann Wärme und Geborgenheit genauso signalisieren wie die Warnung vor Gefahr. Rot hat immer eine Bedeutung, und wird in der Kunst entsprechend eingesetzt. Das wollten wir für den Film untersuchen und zeigen.

ROT ist eine Filminstallation – keine Ausstellung im eigentlichen Sinn. Die Besucher/innen werden nicht mit Objekten, sondern vor allem mit Bewegtbild und Lichtspiel konfrontiert. Kein sehr alltäglicher Museumsbesuch, oder?
SP: …eher eine Reise in ein rotes Universum! Neben der außergewöhnlichen Gestaltung mit Licht- und Farbimpulsen steht ganz klar der Film im Mittelpunkt: In zahlreichen Ausschnitten auf elf großformatigen Leinwänden kann man nachvollziehen, wie wichtig Rot für Kostüme, Maske und Physis, Objekte, Räume und Regie ist. Das geht nur mit dem fertigen Film – Exponate wie ein Kostüm oder eine Filmkulisse können nicht illustrieren, wie sich ihre Bedeutung im Film entfaltet. Und wir wollen der Farbwahrnehmung als wichtigem Teilaspekt der filmischen Rezeption Aufmerksamkeit widmen: Indem wir die Farbgestaltung von Filmen ausstellen, bringen wir das Publikum vielleicht dazu, beim nächsten Kinobesuch auch darauf zu achten!

Was bedeutet es für die kuratorische Arbeit, wenn die Auswahl der Exponate sich ausschließlich auf Bewegtbildprojektionen beschränkt?
SP: Filme schauen, Filme schauen, Filme schauen! Tatsächlich: Zu den rund 450 Filmen, die wir in der Vorbereitung gesichtet haben, haben wir uns bei jedem einzelnen überlegt, wie er mit der Farbe Rot umgeht, an welchen Stellen sich das am deutlichsten zeigt und welche Themen sich daraus ergeben. Wir wollten einen Querschnitt durch die Filmgeschichte und sämtliche Genres vorstellen. So haben wir dann – ausgehend vom Film – den Aufbau der Ausstellung konzipiert. Die größte Herausforderung war es, Ausschnitte zu finden, die wirklich aussagekräftig sind und stellvertretend für den gesamten Film stehen können. Im Prinzip könnte man wohl sagen, wir legen ähnliche Kriterien an wie für die Auswahl von Gemälden für eine Ausstellung – nur dass unser Kunstwerk eben nicht in Öl gemalt ist, sondern durch zeitlichen Verlauf und Bewegung lebt.

Alfred Hitchcock, Pedro Almodóvar und Nicolas Winding Refn kann man durchaus als Regisseure mit sehr unterschiedlichem Stil bezeichnen. Ihr Werk bildet jedoch einen Schwerpunkt der Rauminstallation, weil ihnen allen ein intensiver Einsatz der Farbe Rot gemein ist. Sind sie die Rot-Regisseure schlechthin? Wäre nicht auch eine Regisseurin in Frage gekommen?
DB: Die schottische Regisseurin Lynne Ramsay hat mit WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN (GB/US 2011) einen herausragenden Film gemacht, in dem die Farbe Rot eindrücklich und brutal wie selten verdeutlicht, wovon der Film erzählt: Entfremdung, Ausgrenzung, Gewalt. Für die drei Werkkompilationen haben wir aber nach Filmschaffenden gesucht, deren Gesamtwerk sich durch den ganz bewussten Einsatz von Farbe und insbesondere natürlich Rot auszeichnet. Mit Hitchcock, Almodóvar und Winding Refn stellen wir drei Regisseure verschiedener Generation und Herkunft vor, die die Kraft der Farbe Rot in all ihren Facetten ausschöpfen, in der Wahl der Mittel und ihren Themen aber kaum unterschiedlicher sein könnten.

Rot hat viele Bedeutungen. Es steht für die Liebe, aber oft auch für Aggression. Müssen Besucher/ innen sich auch auf schreckliche Bildeindrücke gefasst machen?
SP: Rot steht auch für das Leben und den Tod, der „Lebenssaft“ Blut ist rot – klar, dass sich das auch auf den Leinwänden zeigen wird. Wir haben uns aber bemüht, nicht unnötig grausame Szenen auszuwählen, und diese größtenteils in einem separaten Bereich platziert. Es geht ja nicht darum, zu schockieren, sondern vor allem darum, die Bedeutungsvielfalt der Farbe Rot zu feiern!

Die Fragen stellte Marie Brüggemann.

RED RUMOURS

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In der Geschichte, in verschiedenen Kulturen und Gesellschaften, in der Wissenschaft, und in der Kunst: Überall kursieren Geschichten rund um die Farbe Rot. Aber sind sie alle wahr?

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